Aus
dem Leben eines Zanders
Teil 1
Von Geburt und Wiedergeburt
Da es nun an der Zeit ist langsam dem großen Zander
zu besuchen und den täglichen Kampf gegen ein beschauliches Dasein im
Zanderhimmel zu tauschen, möchte ich nicht gehen ohne den Kameraden und auch
den Anglern unter euch aus meinem Leben zu erzählen.
Vor fast 20 Jahren legten meine stattlichen Eltern ihre Eier unter einen alten
Tannenbaum im Dradenau Hafen. Vater hatte dort im beinahe flachen Wasser über
dem hellen Sandgrund diesen Platz gefunden und ihn gegen viele seiner
Artgenossen und auch einen großen Hecht
verteidigt.
Doch das ist eine andere Geschichte. Mein Vater war nicht gerade ein kleiner
Vertreter seiner Rasse. Beinahe 100cm würde er nach Menschenmaß als Kapitaler
bezeichnet werden. Auch Mutter maß gut 90cm.
Nachdem Vater die Laichgrube geschaffen hatte legte Mutter die Eier, also uns
hinein und Vater befruchtete uns. Da seine Gene stark waren und auch die von
Mutter, wuchsen relativ schnell eine große zahl von starken kleinen Zandern
heran, die schon bald einige Abenteuer bestehen sollten.
Vater bewachte in den ersten Tagen Nest und das wurde ihm dann auch zum Verhängnis.
Trotzte er Hecht, Kormoran und so manchem
Aal wie auch unzähligen Krabben, so kam
doch eines Tages der Gegner, den er nicht mehr besiegen konnte.
Als ein bedrohlich aussehender Plötzlich aus dem Nichts im Wasser nahe dem Nest
auftauchte und zielstrebig gen Grund strebte, packte Vater diesen und versuchte
so die Gefahr von uns abzuwehren.
Doch als er gerade den Fisch gepackt hatte spürte er wie ein Ruck eben durch
diesen ging und etwas Spitzes sich in seinen Kiefer bohrte. Vater wehrte sich
verzweifelt. Zunächst stellte er sich tot am Grund und versuchte so den möglichen
Angriff abzuwehren. In seiner langen zeit als Elbfisch war er noch nicht in eine
solche Situation gekommen und so verließ er sich auf seine Instinkte und den
Berichten anderer, die so etwas überlebt hatten.
Nicht dass es ihm schmerzte, nur hielt ihn etwas fest, so dass er nur in die
entgegengesetzte Richtung zu flüchten vermochte. Ihr müsst wissen, das zu
Vaters Zeiten noch nicht in den Zanderschulen von den Anglern berichtet wurde
und wie man ihren Attacken entgehen könnte.
Lediglich vor den Netzen der Fischer wurde man gewarnt.
Vater quittierte die Versuche des Wesens jenseits der Schnur, an der er
festgehalten wurde, ihn an Land zu ziehen durch wütendes Kopfschütteln. So
hielt er eine Weile aus, verlor am immer mehr mit nachlassender Kraft an Boden.
Verzweifelt versuchte er ein Hindernis zu finden, dass ihm ermöglichte den
Widerstand zu erhöhen. Aber diese Überlegung kam zu spät. Dort wäre eine
gespannte Stahltrosse zu erreichen gewesen. Aber der kräftige Zug und die
andauernde Gegenwehr durch ihn, hatten ihre Spuren hinterlassen.
Seine Kräfte schwanden und damit auch die Möglichkeit das rettende Stahlseil
zu erreichen.
Vater sah noch einmal zurück und stellte mit einer gewissen Erleichterung fest,
dass noch genügend andere Bullen auch seine Aufgabe für den Schutz der
Kinderstube übernehmen würden.
Mehr und mehr schwanden ihm die sonst so scheinbar unermüdlichen Kräfte. Wie
oft hatte er in schwierigen Situationen sich immer auf sie verlassen können.
Doch dieser Gegner schien übermächtig. Wir sahen entsetzt tatenlos zu, denn
wir konnte nichts mehr für ihn tun.
Mit dem Mut der Verzweiflung versuchte der diesen Faden, der zwischen seinen
Kiefern den Haken hielt zu durchbeißen.
Doch selbst die messerscharfen Hundszähne die selbst die größten Hechte in
die Flucht geschlagen hatten, versagten an diesem Material.
So sehr er auf kämpfte und immer mehr an Kraft verlor, so geringer wurden doch
seine Hoffnungen sich befreien zu können.
Ein letztes Mal sah er zurück. Fast schien sein Blick friedlich und zufrieden.
Gar nicht so traurig und verzweifelt, wie es der Meinige, in diesem Augenblick
wohl gewesen sein mochte.
Dann war er bereits an der Wasseroberfläche, die er in unsere Richtung nicht
mehr durchbrechen sollte.
Ein Schatten oben nahe der Steinpackung an der die Großen so gerne entlang
jagten zerrte ihn unaufhörlich zu sich heran. Wir hörten dumpf seine
Jubelschreie, als Vater zu ersten Mal für ihn sichtbar aus dem Wasser
auftauchte.
Ich wollte nicht mehr hinsehen und schwamm in entgegengesetzte Richtung davon.
Ach wäre ich doch nur schon größer gewesen……..ja zu zweit hätten wir es
bestimmt geschafft…..bestimmt…..geschafft……ganz bestimmt dachte ich so
immer an diesem Moment erinnert in den nächsten Jahren……….
Vater schlug ein letztes Mal wie wild mit dem Kopf, doch dann war dort ein Netz
und ………und alles ging doch so schnell………halt!....nein……noch
nicht bitte…….vorbei.
Freudentänze des Schattens begleitet von aufgeregten Rufen…..weitere Schatten
dann ein oder waren es zwei dumpfe Schläge und kurz danach quoll bereits das
Blut in das Wasser.
Das Blut meines Vaters lief aus seinem Herzen über die feuchten Steine in einem
kleinen Rinnsal ins Wasser und vermischten sich dort mit unserem Lebenselixier
und wurde dann doch zu einem mit allem hier……….
Ihr denkt nun sicherlich, dass der Lauf der Dinge wäre und mit Verlaub sind wir
auch unter dem Wasser am Ende der Nahrungskette. Das ist richtig. Aber so
trauern wir doch, um jeden der unseren. Hier war es gar mein Erzeuger. Mein
Vater der stattliche Zander, dessen Bild
wohl der Schatten mit Freuden all seinen Freunden zeigte, wie man mir später
erklärte.
Er wurde verspeist, wie wir es auch mit unserer Nahrung tun und doch hatte er
lange Jahre hier geherrscht. Sogar von Menschenhand war er einmal aufgezogen
worden. Wo dann auch sein Ende in Frieden finden sollte.
Der Schatten war ihm gnädig und bescherte ihn voller Respekt einen schnelle
Tot. Ja sogar mit Respekt und einen Schuß Ehrfurcht behandelte der den Körper
meines Vaters, als er ihn für das Foto mit seinen Händen erhob.
Von Blut hatte er ihn gesäubert. So dass man noch ein letztes Mal diesen
stattlichen Zander sehen konnte. Der
Schatten war überglücklich während ich in tiefer Trauer mich grämte, bis ich
meine Mutter durch Zufall wieder sah, ihr berichtete und sie mich tröstete.
Ein solches Schicksal wurde mir erzählt, blieb ihr erspart. Sie starb im einem
würdigen Alter, weil einfach ihr Herz irgendeines Tages aufhörte zu schlagen.
Sie glitt zu Boden, wo sie einigen anderen Kreaturen als Nahrung diente.
So wünschte ich auch einmal dem großen Zander
entgegen zu treten.
Bis heute nach beinahe 20 Jahren unter Wasser war es doch ein schier endlose
lange Reise.
Bis kurz vor den Moment, ja den Augenblick, wo ich an den Ort meiner Geburt zurück
gekehrt bin.
Nicht das ich mich zu schwach fühlte, aber ein merkwürdiger Moment der
Neugierde und auch Sehnsucht trieb mich hierher. Vielleicht ließ mich das
Erlebnis alle die Jahre auch nicht los. Vielleicht wollte ich beweisen, meines
Vaters würdig zu sein.
Dann sah ich die Schatten.
Sie warfen alle diese komischen Fische in das Wasser.
Einige hatten gerade zu lächerlich Farben oder groteske Formen. Selbst an
unseren Geschmackssinn wollte man mit Hilfe merkwürdiger Gerüche appellieren.
Ich wusste nur zu gut um die Gefahr. Doch dann plötzlich sah ich etwas, was
mich faszinierte. Meinen Blick fesselte. Lange, ganz lange hatte ich so etwas
nicht mehr gesehen.
Der merkwürdige Fische, der meinem Vater zum Verhängnis wurde.
Ich taxierte ihn, überlegte einen Moment und griff dann wie aus einem Impuls
heraus, dessen Ursprung ich nicht ergründen konnte, an.
Ich hing fest.
Ich kämpfte mit allen Tricks, die man mich gelehrt hatte. Es war nicht das
erste mal, dass ich entkommen konnte.
Doch hier hatte ich wohl meinen Meister gefunden.
Nach schier endloser Zeit merkte ich jedoch, dass auch mein gegenüber die Kräfte
schwanden.
Wir beide kämpften nun beinahe auf Augenhöhe. Ich sah plötzlich nicht den
Schatten, sondern eine Erscheinung, der augenscheinlich der lange Kampf
ebenfalls zu schaffen machte.
Ich war einen Augenblick durch meine Gedanken unaufmerksam, als ich das Netz
erfasste.
Ich wurde aus dem Wasser gehoben. Bog mich, Schlug mit der Schwanzflosse, schüttelte
mich und es half doch nichts. Im dem Schrecken merkte ich nicht einmal, dass ich
gar nicht atmen konnte.
Ich bekam Panik. Dieser Mensch hob mich vorsichtig vom Boden auf und befreite
mich mit einem geschickten Griff von diesem Haken.
Ich wartete auf den Schlag…….doch nichts dergleichen geschah……..
Er sah mich nachdenklich an und sagte dass ich ein verdammtes Prachtexemplar wäre,
sein bisher schönster Fang. Beinahe so groß, wie damals and er gleichen
Stelle, als er den Meter durchbrach.
Und dann sagte er etwas wovon ich euch jetzt berichten kann. Er sagte, dass er
Petrus etwas schuldig sei.
In all den Jahren war er immer etwas schuldig geblieben und nun wo er alt sei
und seine Frau schon einige Zeit nicht mehr auf ihn zu hause warten würde, da
war ich doch eh viel zu groß.
Einige Junge Kerle um ihn herum begannen schnell Fotos zu machen und redeten
aufgeregt umher.
Doch der alte Mann ließ sich nicht beirren. Und balancierte gekonnt die zwei
Schritte Wasser zurück, wo er mich langsam und sehr behutsam wieder in das
Wasser zurück tauchte.
Ich verstand nicht recht.
Ich war wieder im Wasser, obwohl ich doch den Kampf verloren hatte. Wieso tötete
er mich nicht.
Mit ein paar Flossenschlägen bewegte ich mich ins tiefere Wasser, wo ich mein
Glück kaum fassen konnte, als das herrliche Gefühl der Wasser durchflossenen
Kiemen in mir wieder ungeahnte Lebensgeister weckte.
Ich war frei und blickte dankbar zurück.
Auch das Gesicht da über dem Wasser drückte Zufrieden und Dankbarkeit aus. Ich
verstand.
Der alte Mann schien sehr glücklich zu sein. Beinahe glücklicher wie ich es
mir in diesem Augenblick vorkam.
Einige der anderen Schatten entfernten sich kopfschüttelnd und wohl
diskutierend, wie ihr Menschen das nennen würdet.
Noch einige Monate kam ich immer wieder zurück und beobachtete den Mann, der
auch lächelte wenn es stürmte und regnete. Es schien ihm nichts auszumachen,
wenn er keinen von uns an den Haken
bekam.
Und war es so, dann setzte er den Unglücklichen wieder zurück. Beinahe so
sanft, wie ich es empfunden hatte.
Dann eines Tages merkte ich, wie es ihm immer schwerer fiel bis an das Wasser zu
klettern.
Mein Freund konnte auch nicht mehr angeln. Er blickte auf das Wasser und beinahe
schein es mir, als sähe er mich dort stehen und wieder kam dieses zufriedene Lächeln
über sein Gesicht.
Er kam immer unregelmäßiger und musste sogar die letzten Male die Hilfe
anderer in Anspruch nehmen. Bis er ein letztes Mal kam. Die Hand zu Gruß hob
und ich wusste in diesem Augenblick, dass es ein Abschied für immer werden würde.
So oft ich nach ihm schaute, sah ich ihn dort nie wieder. Ich verstand, dass
auch seine Zeit gekommen war.
Ich wünschte ihm Frieden und vielleicht einen Ort, an dem er ewig weiter
fischen kann.
Leb wohl alter Mann, der du mir zum Freunde wurdest und ich dir für den gnädigen
Tot meines Vaters danken möchte.
Ach wären doch alle so oder beinahe so wie er.
Ich kann euch nur davon berichten, weil er so großzügig war.
Ihr Menschen solltet einmal darüber nachdenken, ob euch dieser Großmut nicht
auch von Fall zu Fall zugestehen würde.
Ein anderes Mal berichte ich gerne weiter aus meinem Leben als Vagabund der
Elbe. Doch für heute wünsche ich mir nichts mehr, wie mehr von diesen
Menschen.
Für heute bin ich zu Müde, um euch weiter zu berichten.
Euer Freund unter Wasser.